Aschau im Chiemgau vom 16. März bis 15. April 2018

2017 November #1, 140 x 135 cm, Öl und Acryl auf Leinwand

Von der Website des Vereins Kunst und Kultur zu Hohenaschau e.V.:

Malerei der in Berlin lebenden Künstlerin Susanne Maurer – damit eröffnen wir unsere diesjährige Ausstellungssaison. Die Künstlerin bezeichnet ihre Bilder selbst als „Farbweltlandschaften“, die es dem Betrachter möglich machen, sich darin „ungeniert umzusehen, sich zu erinnern, wo er diese Landschaften schon einmal gesehen hat“. Und die ihn gleichzeitig auffordern, sich von dieser Erinnerungssuche zu lösen und einzutauchen in oft wilde, intensive „Farbwirbel“, die mit weiten, monochromen Flächen korrespondieren.

Es sind malerisch hinreißende Abstraktionen von Landschaften, die Susanne Maurers Bilder zeigen, und zu deren Vernissage wir am 16. März 2018 um 19:30 Uhr in den Räumen unserer Galerie an der Festhalle einladen.

Zur Ausstellung spricht Dr. Elmar Zorn.
Die Ausstellung endet am 15. April

Die Öffnungszeiten der Ausstellung:
Mittwoch 16:00 – 18:00 Uhr,
Freitag und Samstag 16:00 – 19:00 Uhr,
Sonntag 10:00 – 12:00 und 16:00 – 19:00 Uhr.

www.kuku-hohenaschau.de

 

Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Susanne Maurer in „Kunst und Kultur zu Hohenaschau e.V.“ am 16.03.2018

Meine Damen und Herren,
„Farbweltlandschaften“ nennt die Malerin Susanne Maurer ihre Bilder, nicht nur Farblandschaften. Wir haben es also mit zwei Anschauungen zu tun, mit Landschaften und mit Farbwelten, nämlich mit einem Blick in die Natur auf bemalten Leinwänden und mit den Blicken der Künstlerin und unseren von außen auf die innere Welt der Farbe.
Das drückt sich als ein sehr deutlicher Hinweis in so einigen ihrer Arbeiten aus, etwa in dem Bild, das als Titelmotiv des Beitrages von „alpenwelt.tv“ zu dieser Ausstellung hier in der Kunsthalle zu Hohenaschau figuriert. Da ist die obere Bildhälfte von einer fahlen hellblauen Seefläche bestimmt, durchsetzt mit wattähnlichen Streifen und einem fernen Uferhorizont sowie zarten fernen Wolkenbändern versehen, während die untere Bildhälfte dominiert ist von knallroten, sich flächig ausbreitenden Farbinseln, die sowohl als Naturgebilde wie als pure Farbe aufgefasst werden können. Nur als Farbe erkennbar fassen wir kurze karmesinrote erstarrte Schlieren auf, die zustande gekommen sind, in dem sie einfach die Leinwand hinunter triefen.
Eine doppelte Auseinandersetzung der Künstlerin wird so zum Darstellungsthema des Bildes: Wie holt sie ferne Land- und Seengebiete heran, an ihre und an unsere Anschauung und wie wirkt sich der heftige, ja radikale Einsatz des Materials Farbe auf das Gesamtbild aus?
Die Staffelung in Vordergrund und Hintergrund eines Bildes strukturiert Susanne Maurers gesamtes Schaffen. Dies ist geradezu obsessiv horizontal orientiert. Weite Flächen einer Wiesenlandschaft etwa, oft mittig ein kleiner See, und tiefe unergründliche Horizonte, wobei in früheren Jahren bei ihr wilde Wolken- und Wellenlandschaften vorherrschen. Diesen Kompositionstypus hat sie über ihre vielen Ausstellungen im norddeutschen Raum – ihrem Geburtsort Braunschweig, Bremen, Oldenburg, Worpswede – zuweilen auch in Süddeutschland, wie Leutkirchen im Allgäu, Augsburg oder in der renommierten Ulmer Galerie Tobias Schrade (2016) mit dem bezeichneten Ausstellungstitel „Hinterland“, durchgehalten in hunderten von Variationen. Neben der Doppeldeutigkeit von gegenständlichen Landschaftsdarstellungen und abstrakt-horizontal Farbfeldschichtungen, die der amerikanischen Colorfield-Malerei eines Mark Rothko, Barnett Newman oder Clyfford Still in den 1950er Jahren sehr nahe kommen, auch wenn sie sich aus der Tiefe des Raumes zur Oberfläche formen als Endphase einer Entwicklung und nicht gesetzt werden als monochrome Manifeste einer meditativen Farbwahrnehmung wie bei den Amerikanern ohne Bezug zur Natur.
Die andere Doppeldeutigkeit in Susanne Maurers Malerei sehe ich in der Offenheit ihrer Werke einerseits in die Richtung der Vergangenheit des Erinnerns – also die Evokation von Landschaftsarchetypen unseres kollektiven Gedächtnisses – und in die andere Richtung
vorausblickend als Einladung an den Betrachter sich mit der Künstlerin in neue Abenteuer der Farbwahrnehmung und des Farbfühlens zu begeben. Die Erfüllung eines solchen Abenteurers wäre eben auch eine doppelte: neue Landschaftsräume zu erleben wie auch neue Farbräume. Denn die Künstlerin nutzt die automatische Fähigkeit des Bildgebungsverfahrens im Kopf ihrer Zuschauer, um die präsentierten Fragmente ihrer Farbwelten und ihrer Landschaftsbilder zu einem kompletten Raum zu ergänzen. Hier ist ein wesentlicher Unterschied zur Landschaftsfotografie festzustellen. Ein Fotoausschnitt bleibt in seinem Rahmen und fokussiert sich auf Details als pars pro toto, während die Malerei von Susanne Maurer so angelegt ist, dass sie ihren Rahmen sprengt und weitere Welten dazu fantasiert werden.
Im Extrem hat die Künstlerin solches durchexerziert in denjenigen ihrer Bilder, die nur noch einen winzigen horizontalen Grund als Element des Festen ganz unten am Bildrand mitnehmen. Dies ist ein ziemlich gewagtes Grenzgängertum, bei dem die gewohnte Ausgewogenheit und Harmonie einer Bildaufteilung programmatisch verlassen wird und die Unberechenbarkeit einer chaotischen Natur und Landschaft erahnbar wird, damit auch die Grenzen der Darstellungsmöglichkeiten von Kunst überhaupt.
In solchem Kontext werden dann auch die Darstellungen von schönen Blumen und Landschaftsorten schillernd. Insofern wäre es ein Missverständnis in Susanne Maurers Werken die Schönheiten einer Blumen- und Naturabbildung zu sehen. Das hat der Prinzipal dieses Kunstvereins, Rudi Distler, sehr wohl verstanden, selber einer der brillantesten Darsteller des Themas Natur und Landschaft, den ich kenne – beileibe jedoch kein Landschaftsmaler! – als er ein kleines wunderschönes Blumenbild gleich neben der Tür platzierte, wohl wissend, dass der aufmerksame Betrachter bei dieser Schule der Wahrnehmung, die er mit all den kleinen Formaten an den Wänden dieser Versuchsanordnung von Naturwahrnehmung und Farbwahrnehmung vollziehen kann, dieses isolierte Bilder als das erkennt, was es in Wirklichkeit ist: keine Anbiederung für eine gemeinsame Schönheitsfeier, sondern eine Provokation, um anzudeuten, was Schönheit im Grunde immer beschwört, nämlich das Absolute, damit auch das Schreckliche. Dies führt eine gerade sich ereignende Kunstbiennale in Lyon vor unter dem Titel „Eine schreckliche Schönheit ist geboren“, noch bis Ende des Jahres. Wie heißt es bei Rilke in den Duineser Elegien: „das Schöne ist Nichts als des Schrecklichen Anfang.“
Doch zurück von solchen Grenzerfahrungen zu dieser Ausstellung, die ja als erstes Programm einem heiteren Frühling gewidmet sein soll – in freilich sich zunehmend verdunkelnden Zeiten. Es scheint mir ein umso stärkerer Anreiz sich die Kunst von Susanne Maurer vor Augen zu führen, womöglich sogar dauerhaft. Die kleinen Formate eignen sich besonders hierfür, zu durchaus moderatem Preis, wie ich als ein Kenner des Kunstbetriebs abschließend anmerken darf.

Ich danke Ihnen. Elmar Zorn